Warum kann ich eine toxische Beziehung nicht loslassen?
Vielleicht wissen Sie längst, dass Ihnen der Kontakt zu einem Menschen nicht guttut. Sie fühlen sich nach Begegnungen erschöpft, verunsichert oder schuldig. Ihre Grenzen werden immer wieder überschritten. Sie zweifeln an sich oder haben das Gefühl, ständig Rücksicht nehmen zu müssen.
Vielleicht haben Sie sich schon mehrfach vorgenommen, mehr Abstand zu halten.
Und trotzdem suchen Sie wieder den Kontakt oder Sie schaffen es, sich zurückzuziehen und bekommen anschließend Schuldgefühle.
Dann entsteht möglicherweise die Frage:
„Wenn mir diese Beziehung nicht guttut – warum kann ich sie dann nicht einfach loslassen?“
Und manchmal folgt darauf:
„Warum schaffe ich es nicht, mich abzugrenzen?“
Dabei kann es sich um eine Partnerschaft handeln. Aber auch um die Beziehung zur eigenen Mutter oder zum Vater, zu Geschwistern, anderen Familienmitgliedern, Freund:innen oder Menschen aus dem näheren sozialen Umfeld. Denn belastende Beziehungsmuster können überall dort entstehen, wo Menschen miteinander verbunden sind. Und nicht jede dieser Beziehungen lässt sich einfach beenden.
Was bedeutet eigentlich „toxische Beziehung“?
Der Begriff „toxische Beziehung“ wird inzwischen sehr häufig verwendet. Dabei ist wichtig:
„Toxische Beziehung“ ist keine psychologische oder psychiatrische Diagnose. Auch Streit, unterschiedliche Bedürfnisse oder schwierige Phasen machen eine Beziehung nicht automatisch „toxisch“.
Problematisch können Beziehungen beispielsweise werden, wenn über längere Zeit Abwertung, Kontrolle, Manipulation, starke Schuldzuweisungen, wiederholte Grenzüberschreitungen oder andere belastende Dynamiken auftreten. Dabei muss es gar nicht immer offensichtlich sein.
Manchmal zeigt sich eine belastende Beziehung eher darin, was sie mit einem selbst macht.
Vielleicht ist deshalb weniger die Frage entscheidend:
„Ist dieser Mensch toxisch?“
Sondern:
„Wie geht es mir eigentlich in dieser Beziehung?“
Kann ich meine Meinung sagen?
Werden meine Grenzen respektiert?
Darf ich Nein sagen?
Kann ich anderer Meinung sein, ohne Angst vor der Reaktion des anderen zu haben?
Fühle ich mich nach Kontakten häufig schuldig oder verunsichert?
Habe ich zunehmend das Gefühl, für die Gefühle des anderen verantwortlich zu sein?
Zweifle ich immer häufiger an meiner eigenen Wahrnehmung?
Diese Fragen können manchmal hilfreicher sein als die Suche nach einem Etikett für den anderen Menschen.
Warum kann ich eine belastende Beziehung nicht einfach loslassen?
Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Denn Beziehungen bestehen nicht ausschließlich aus den Momenten, in denen wir verletzt oder enttäuscht wurden. Da können auch Nähe, gemeinsame Erinnerungen, Verbundenheit, Loyalität und schöne Erfahrungen sein.
Vielleicht kennen Sie diesen Menschen seit vielen Jahren.
Vielleicht ist es ein Familienmitglied.
Vielleicht haben Sie gemeinsam schwierige Zeiten erlebt.
Vielleicht war diese Person einmal besonders wichtig für Sie.
Oder Sie hoffen darauf, dass sich die Beziehung irgendwann verändert.
Zu erkennen, dass eine Beziehung belastet, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die emotionale Bindung verschwindet.
1. Die Hoffnung: „Vielleicht wird es irgendwann anders“
Hoffnung kann Menschen lange in Beziehungen halten.
Vielleicht denken Sie:
„Eigentlich ist er oder sie doch ganz anders.“
„Vielleicht versteht die Person irgendwann, wie sehr mich das verletzt.“
„Wenn ich es nur richtig erkläre, wird es vielleicht besser.“
oder:
„Früher war unsere Beziehung doch auch schön.“
Dann richtet sich der Blick möglicherweise zunehmend darauf, wie die Beziehung sein könnte, und weniger darauf, wie sie tatsächlich ist. Eine interessante Frage kann deshalb sein:
Halte ich an der Beziehung fest, die ich tatsächlich erlebe oder an der Hoffnung auf die Beziehung, die ich mir wünsche?
2. Nähe und Verletzung können gleichzeitig existieren
Ein Mensch kann uns wichtig sein und uns trotzdem verletzen. Das gilt nicht nur für Partnerschaften.
Man kann seine Mutter lieben und trotzdem unter bestimmten Verhaltensweisen leiden. Man kann mit einem Geschwisterteil viele schöne Erinnerungen teilen und trotzdem merken, dass heutige Begegnungen immer wieder belasten. Man kann eine langjährige Freundschaft schätzen und gleichzeitig feststellen, dass man sich darin zunehmend unwohl fühlt.
Diese Gefühle widersprechen sich nicht zwangsläufig.
Sie können jemanden vermissen und trotzdem Abstand brauchen.
Sie können jemanden lieben und trotzdem Grenzen setzen.
Sie können dankbar für gemeinsame Erfahrungen sein und trotzdem feststellen:
„So möchte ich heute nicht mehr behandelt werden.“
3. Schuldgefühle können Abgrenzung erschweren
Gerade in engen Beziehungen kann Abgrenzung Schuldgefühle auslösen.
Vielleicht denken Sie:
„Das kann ich meiner Mutter/ meinem Vater doch nicht antun.“
„Wir kennen uns seit zwanzig Jahren.“
„Er oder sie hat sonst niemanden.“
„Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.“
„Familie hält schließlich zusammen.“
oder:
„Ich möchte kein schlechter Mensch sein.“
Dann kann aus einer eigentlich notwendigen Grenze plötzlich eine moralische Frage werden:
„Darf ich das überhaupt?“
Hier kann es hilfreich sein, zwischen zwei Dingen zu unterscheiden:
Verantwortung für das eigene Verhalten und Verantwortung für die Gefühle eines anderen Menschen.
Beides ist nicht automatisch dasselbe.
4. Wenn Sie zunehmend an Ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln
Vielleicht hat Sie eine Situation verletzt. Sie sprechen sie an. Und kurze Zeit später fragen Sie sich:
„Habe ich überreagiert?“
„Bin ich zu empfindlich?“
„Vielleicht habe ich das falsch verstanden.“
Natürlich kann jeder Mensch Situationen falsch einschätzen. Die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen, kann sogar ein wichtiger Bestandteil von Selbstreflexion sein. Etwas anderes ist es jedoch, wenn Sie immer wieder und zunehmend an Ihren eigenen Gefühlen, Erinnerungen oder Grenzen zweifeln.
Dann kann eine hilfreiche Frage sein:
Kann ich meine Wahrnehmung in dieser Beziehung äußern, ohne dass sie grundsätzlich abgewertet oder gegen mich verwendet wird?
5. „Aber es ist doch nicht immer schlecht.“
Das stimmt möglicherweise. Viele belastende Beziehungen bestehen nicht ausschließlich aus schwierigen Momenten. Es gibt vielleicht gemeinsame Erinnerungen, Humor, Nähe, Unterstützung, Schöne Gespräche. Genau das kann die Situation so verwirrend machen.
Deshalb ist die Frage
„Ist diese Beziehung gut oder schlecht?“
manchmal zu einfach.
Hilfreicher können andere Fragen sein:
Wie fühle ich mich überwiegend in dieser Beziehung?
Kann ich, ich selbst sein?
Werden meine Grenzen respektiert?
Darf ich Nein sagen, ohne anschließend abgewertet oder mit Schuldgefühlen konfrontiert zu werden?
Übernehme ich zunehmend Verantwortung für die Gefühle und Reaktionen des anderen?
Und vielleicht besonders:
Bin ich in dieser Beziehung mehr bei mir angekommen oder habe ich mich zunehmend von mir selbst entfernt?
6. Warum suche ich trotzdem immer wieder den Kontakt?
Manche Beziehungen entwickeln einen wiederkehrenden Kreislauf. Etwas passiert. Sie fühlen sich verletzt oder enttäuscht. Sie ziehen sich zurück. Dann entsteht Abstand. Und mit dem Abstand kommen vielleicht Sehnsucht, Schuldgefühle oder Zweifel.
„Vielleicht war ich zu streng.“
„Vielleicht sollte ich mich doch melden.“
„So schlimm war es vielleicht gar nicht.“
Sie nehmen wieder Kontakt auf. Für eine Zeit fühlt es sich vielleicht sogar wieder gut an. Bis die bekannten Schwierigkeiten erneut auftreten. Dann beginnt der Kreislauf von vorne. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, nicht nur den letzten Konflikt oder die letzte Versöhnung anzuschauen. Sondern das Muster über einen längeren Zeitraum.
7. Nicht jede Beziehung kann man einfach beenden
Das ist bei diesem Thema besonders wichtig.
Der Ratschlag
„Dann brich doch einfach den Kontakt ab.“
ist häufig viel zu kurz gedacht.
Vielleicht handelt es sich um Ihre Mutter, Schwiegermutter.
Ihren Vater, Schwiegervater.
Ein Geschwisterteil.
Den anderen Elternteil Ihrer gemeinsamen Kinder.
Eine Person im beruflichen oder sozialen Umfeld.
Oder jemanden, dem Sie aus anderen Gründen regelmäßig begegnen.
Dann besteht die Lösung möglicherweise gar nicht darin, einen Menschen vollständig aus dem eigenen Leben zu entfernen.
Es kann zunächst um andere Fragen gehen:
Wie viel Kontakt tut mir gut?
Welche Themen möchte ich nicht mehr diskutieren?
Wo liegt meine Grenze?
Was mache ich, wenn diese Grenze überschritten wird?
Welche Verantwortung gehört zu mir und welche nicht?
Abgrenzung bedeutet deshalb nicht zwangsläufig Kontaktabbruch. Manchmal bedeutet sie zunächst, bewusster zu entscheiden, wie viel Raum ein anderer Mensch im eigenen Leben bekommen darf.

Vielleicht geht es beim Loslassen nicht nur um den anderen Menschen
Eine interessante Frage lautet deshalb:
Was hält mich eigentlich fest?
Liebe?
Loyalität?
Gewohnheit?
Hoffnung?
Angst vor Einsamkeit?
Schuldgefühle?
Verantwortungsgefühl?
Die Angst vor Konflikten?
Der Wunsch nach Anerkennung?
Oder vielleicht der Gedanke:
„Wenn ich mich nur anders verhalte, wird unsere Beziehung irgendwann so, wie ich sie mir wünsche.“
Hier kann Selbstreflexion einen wichtigen Unterschied machen.
Nicht:
„Was stimmt mit mir nicht?“
Sondern:
„Was passiert eigentlich in mir, wenn ich versuche, eine Grenze zu setzen?“
Vielleicht taucht Angst auf.
Vielleicht Schuld.
Vielleicht der Wunsch, wieder Frieden herzustellen.
Vielleicht ein alter Gedanke:
„Ich darf niemanden enttäuschen.“
Und plötzlich geht es nicht mehr ausschließlich um den anderen Menschen.
Sondern auch um die eigene Beziehung zu sich selbst.
Eine kleine Übung: Realität und Hoffnung voneinander trennen
Nehmen Sie ein Blatt Papier und ziehen Sie eine Linie durch die Mitte.
Auf die linke Seite schreiben Sie:
So erlebe ich unsere Beziehung tatsächlich.
Auf die rechte Seite:
So wünsche ich mir unsere Beziehung.
Versuchen Sie, konkrete Situationen aufzuschreiben.
Zum Beispiel:
Tatsächlich:
„Wenn ich Nein sage, muss ich mich anschließend lange rechtfertigen.“
Wunsch:
„Mein Nein darf stehen bleiben.“
oder:
Tatsächlich:
„Nach unseren Gesprächen zweifle ich häufig an mir.“
Wunsch:
„Wir können unterschiedlicher Meinung sein, ohne dass ich mich danach schlecht fühle.“
Schauen Sie anschließend beide Seiten an.
Und fragen Sie sich:
Lebe ich überwiegend in der Beziehung auf der linken Seite oder halte ich an der Hoffnung auf die rechte Seite fest?
Sie müssen daraus nicht sofort eine Konsequenz ziehen. Es geht zunächst darum, klarer zu sehen.
Vorlage herunterladen:
Wann kann psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll sein?
Es kann sinnvoll sein, sich Unterstützung zu suchen, wenn eine Beziehung dauerhaft belastet, Sie zunehmend an sich selbst zweifeln oder es Ihnen schwerfällt, eigene Grenzen wahrzunehmen und zu vertreten. Auch wenn Sie immer wieder Abstand suchen und anschließend aus Schuldgefühlen, Angst oder Unsicherheit in dieselbe Dynamik zurückkehren, kann es hilfreich sein, genauer hinzuschauen. Psychotherapeutische Begleitung sollte Ihnen dabei nicht die Entscheidung über eine Beziehung abnehmen. Es geht nicht darum, dass jemand Ihnen sagt: „Brechen Sie den Kontakt ab.“ oder: „Sie müssen diese Beziehung erhalten.“ Die Entscheidung bleibt bei Ihnen.
Gemeinsam können vielmehr Fragen betrachtet werden wie:
Was passiert in dieser Beziehung?
Was passiert dabei in mir?
Welche Grenzen und Bedürfnisse habe ich?
Warum fällt es mir schwer, diese ernst zu nehmen?
Welche Ängste oder inneren Überzeugungen beeinflussen mein Verhalten?
Und wiederholen sich bestimmte Beziehungsmuster möglicherweise auch an anderen Stellen meines Lebens?
Psychotherapie bei belastenden Beziehungen in Bamberg & online
In meiner Praxis für Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz in Bamberg sowie online begleite ich Erwachsene unter anderem bei belastenden Beziehungen, Schwierigkeiten mit Abgrenzung, Selbstzweifeln und wiederkehrenden Beziehungsmustern.
Dabei steht nicht die andere Person im Mittelpunkt. Sondern Sie.
Ihre Wahrnehmung.
Ihre Gefühle.
Ihre Bedürfnisse.
Ihre Grenzen.
Und die Frage, weshalb bestimmte Beziehungsmuster Sie möglicherweise immer wieder beschäftigen.
Denn manchmal beginnt Veränderung nicht damit, einen anderen Menschen zu verändern.
Sondern damit, die eigene Wahrnehmung wieder ernst zu nehmen.
Sie erkennen sich in einigen dieser Gedanken wieder?
Wenn Sie sich in einer Beziehung zunehmend selbst verlieren, häufig an Ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln oder merken, dass Abgrenzung immer wieder Schuldgefühle oder Ängste auslöst, kann es hilfreich sein, die dahinterliegenden Muster in Ruhe zu betrachten.
Ich bin Heilpraktikerin für Psychotherapie, Kunsttherapeutin und Mensch.
In meiner Praxis ist mir wichtig, Sie nicht als „Fall“ zu sehen, sondern als Person mit eigener Geschichte, eigenen Erfahrungen und individuellen Anliegen.
Ich arbeite achtsam, kreativ und lösungsorientiert. Dabei geht es darum, gemeinsam Zusammenhänge zu betrachten, neue Perspektiven zu entwickeln und mögliche nächste Schritte zu finden, die zu Ihrer aktuellen Lebenssituation passen.
Besonders wichtig ist mir die Verbindung von Selbstreflexion, persönlichem Wachstum und einer Begleitung, die Sie als ganzen Menschen im Blick behält.


FAQ
Können toxische Beziehungen auch innerhalb der Familie oder in Freundschaften entstehen?
Belastende Beziehungsmuster sind nicht auf Partnerschaften beschränkt. Sie können auch innerhalb von Familien, Freundschaften oder anderen sozialen Beziehungen auftreten. Statt vorschnell eine Beziehung als „toxisch“ zu bezeichnen, kann es hilfreicher sein zu betrachten, welche konkreten Verhaltensweisen auftreten und wie sich die Beziehung auf das eigene Wohlbefinden, die eigenen Grenzen und die Selbstwahrnehmung auswirkt.
Warum kann ich eine belastende Beziehung nicht loslassen?
Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben. Emotionale Bindung, gemeinsame Erfahrungen, Loyalität, Hoffnung auf Veränderung, Schuldgefühle, Verlustangst oder Selbstzweifel können eine Rolle spielen. Dass das Loslassen schwerfällt, bedeutet nicht automatisch, dass eine Beziehung gut für Sie ist
Muss ich den Kontakt zu einem Menschen abbrechen, wenn mir die Beziehung nicht guttut?
Nicht jede belastende Beziehung muss oder kann vollständig beendet werden. Je nach Situation können beispielsweise klarere Grenzen, weniger Kontakt oder Veränderungen im Umgang miteinander eine Rolle spielen. Welche Entscheidung passend ist, hängt von der individuellen Situation ab.
Warum bekomme ich Schuldgefühle, wenn ich Grenzen setze?
Grenzen können insbesondere dann Schuldgefühle auslösen, wenn jemand gelernt hat, stark auf die Bedürfnisse oder Erwartungen anderer zu achten. Dann kann ein Nein zunächst wie Zurückweisung oder Egoismus wirken, obwohl damit zunächst die eigene Grenze ausgedrückt wird.
Ist „toxische Beziehung“ eine psychologische Diagnose?
Nein. „Toxische Beziehung“ ist keine psychologische oder psychiatrische Diagnose.
Der Begriff wird umgangssprachlich für Beziehungen verwendet, die als dauerhaft belastend erlebt werden. Für die eigene Orientierung kann es hilfreicher sein, konkrete Verhaltensweisen und Beziehungsmuster zu betrachten, statt einer Person ein Etikett zu geben.
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Bildquelle: Colleen Strätz, alle Rechte vorbehalten

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